Jeff Mills reist zu den "Planets"

Flower
Jeff Mills, vor 53 Jahren in Detroit, Michigan geboren, wirkt ein bisschen so, als würde er sich auf der Erde nicht wohlfühlen. Schlank und feingliedrig, mit neugierigen, mandelförmigen Augen, in den kurzgeschorenen Haaren eine einsame, seltsam wirkende graue Stelle. Schwer zu sagen, was ihn NOCH alles antreibt, aber Techno, der Weltraum und die Kunst sind drei Hauptfelder, die ihn sehr interessieren: "So lange ich denken kann, habe ich mich für den Weltraum interessiert. Es wird an den Mond- und Space-Shuttle-Expeditionen der NASA gelegen haben – und meiner Vorliebe für Science Fiction. Da muss man einfach Fantasy-Geschichten lieben!"
Den Wizard of Techno haben sie ihn einst genannt, den Zauberer an den Plattenspielern, so gut und gewitzt konnte er mit den Vinylscheiben umgehen. Manchmal legte er an drei Turntables gleichzeitig auf, wechselte die Platten im Minutentakt und warf sie einfach hinter sich – fürs Eintüten war keine Zeit. Aber das Auflegen hat Jeff Mills jetzt erst einmal hintenangestellt. Auf seinem neuesten Werk "Planets" geht es um nichts weniger als um "elektronische Klassik": "Ich musste noch mal viel über die Planeten unseres Sonnensystems recherchieren. Es ging mir um das wichtigste Merkmal jedes Einzelnen und wie sie sich voneinander unterscheiden. Anhand dieser Informationen habe ich eine musikalische Sprache kreiert, mit der ich die physikalischen Eigenschaften jedes Planeten in Noten und Akkorde, in Tempo, Dauer und Ähnliches übersetzen konnte."

Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und der seit einigen Jahren nur noch als Zwergplanet gehandelte Pluto, sie alle finden auf "Planets" ihre musikalische Entsprechung. Mills hat jedem von ihnen ein Stück zwischen zweieinhalb und fünf Minuten Länge geschrieben, zunächst als rein elektronische Urversion. Mit Hilfe des Sinfonieorchesters Porto wurde aus der elektronischen Version eine klassische, in der Jeff Mills mit seinen Geräten nur noch ein Musiker unter vielen ist. Sowohl die elektronischen als auch die klassischen Versionen finden sich auf "Planets".

Jeff Mills: "Wer glaubt, musikalische Genres müssten voneinander getrennt werden, Musik müsse bewahrt werden, versteht nicht, um was es im Leben geht. Alles, was wir verehren und lieben, ist doch niemals pur, sondern besteht aus verschiedenen Teilen! Wir Menschen haben die Dinge schon immer miteinander vermischt. Wenn wir uns zu sehr um Dinge kümmern, dann verhindern wir unter Umständen, dass sie wachsen und sich weiterentwickeln können!"

Jeff Mills treibt seit Jahren die Verschmelzung von Techno und Klassik voran. 2005 hat er gemeinsam mit 80 französischen Orchestermusikern seine bekanntesten Tracks vor zehntausend Menschen neu aufgeführt. Er spielt als DJ im Club und bei Festivals, aber tritt auch in Museen und Konzertsälen auf. Und natürlich kennt er die Vorurteile, die mit so einer Art von Crossover einhergehen: Den Klassikpuristen ist die Clubmusik an sich zu profan, deshalb hat sie in Orchestermusik nichts zu suchen. Und den überzeugten Clubmenschen ist es zu verwässert: Die E- und die U-Musik, so heißt es dann, sie gehören halt nicht zueinander. Auch seine Orchestermusiker mussten zum Teil erst überzeugt werden, dass sie da ernstzunehmende Musik spielen.

"Planets" allerdings eignet sich ganz gut, Vorurteile aus beiden Ecken abzubauen. Jeff Mills hat jahrelang an der Umsetzung gearbeitet und dabei ein ziemlich kompliziertes System entwickelt. In seine Kompositionen flossen neue Forschungsergebnisse der NASA, anhand der Daten über Wasservorkommen auf Erde, Mars und Pluto etwa schuf Mills ähnliche Rhythmen für diese drei, um die Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Die Rotationsgeschwindigkeit der Planeten verknüpfte er mit dem Tempo der Komposition, den Durchmesser der Planeten mit der Länge des Stücks. Mal klingt das experimenteller, mal herkömmlicher. Und könnte selbst im Fall von Mills Tod fortgeführt werden, das "Planets"-Projekt ist bewusst so konzipiert und komponiert, dass neue Erkenntnisse in Sachen Weltraum eingearbeitet werden können.

Zukunftsmusik. Noch ist Jeff Mills da und führt sein Planetenwerk mit verschiedenen Orchestern in der ganzen Welt auf: "Bei den Konzerten platziere ich mich rechts auf der Bühne mit Blick ins Publikum. Da stehe ich nicht ohne Grund, meine Instrumente helfen dem Kontrabass, im Takt zu bleiben, und ich selbst höre von dort gut die Cellos und die Schlaginstrumente, die rechts neben mir stehen. Eine gute Positionierung ist ziemlich wichtig."
Fazit: Jeff Mills steht also im Augenblick an der richtigen Stelle. Mit seinem Album, das in den Abbey-Road-Studios in London abgemischt wurde, will er neue Wege beschreiten und sich gleichzeitig treu bleiben. Den Stücken merkt man das dahinter stehende Konzeptgebirge nicht an – und klischeehaft bleibt die musikalische Raummission auch nicht. Also alles gut. Nur eine Frage bleibt noch: Wird ihm das Werk helfen, seinem großen Ziel näher zu kommen? Nämlich dem, selbst einmal in den Weltraum reisen zu können?
"I'm not sure. But I'd like to very much." Jeff Mills weiß es nicht, aber er würde gerne. Sehr, sehr gerne.