400 mal Electro Royale. 400!

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So, jetzt kann man ja kurz noch mal aufschreiben, wie das alles mit Electro Royale anfing. Electro Royale? Ja, Electro Royale, die Sendung, die ich seit bald acht Jahren einmal die Woche moderiere, zusammenstelle, die Sendung, die mehr oder weniger ausschließlich der elektronischen Clubmusik gewidmet ist, die Sendung, die heute, da ich das schreibe (Samstag, 26.09.2015), ihre 400. Ausgabe feiert.
Wir gehen also zurück ins Jahr 2008, Januar. Seit einiger Zeit wusste ich schon, dass in der Nacht vom 4. zum 5. Januar meine allerletzte Sendung für Fritz, das Jugendradio vom rbb, sein würde. Dass ich es schon länger wusste, machte es allerdings nicht viel besser: ich war alles andere als glücklich darüber - keine eigene Sendung mehr, in der ich Techno und House und all das ganze andere Electro-Zeugs abfeiern konnte.
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Berghain rules! Pop-Kultur Tag 2

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Der moderne Mann von heute macht das ja so: erst arbeitet er ein bisschen, dann geht er zum Sport (die letzten Trainingstage im Freibad ausnutzen), dann geht er ins Berghain. Pop-Kultur heißt nach wie vor das Festival, das in diesem legendären Berliner Club abgehalten wird. Und jetzt, an diesem zweiten Tag, ist mir eins so richtig klar geworden: erstens sind dort viele, vor allem aber sehr angenehme Menschen unterwegs - und zwar sowohl auf den Bühnen als auch davor. Musiker und Besucher haben sich also gesucht und gefunden. Es sieht so aus, als ginge das eben doch, das mit dem „miteinander auskommen“. Vermutlich also kein schlechter Zug von den Machern, in der ganzen Stadt Plakate auszuhängen, aber eben in - wie sagt man da? - zivilisierter Art und Weise.
Zweitens sind auf diesem Festival unglaublich viele Berliner Musiker und Musikschaffende zu finden. Aber eben nicht diese Musikindustriellen, die ja gar nicht an Musik interessiert sind, sondern nur an der sie umgebenden Industrie. Dafür die anderen: die Labelbetreiber, die Musikjournalisten, die Konzertveranstalter, die Musiker. Spricht sehr für die ganze Veranstaltung.
Apropos: wer so spät erst kommt, den bestraft der Zeitplan. Ich habe also heute NICHT gesehen (obwohl ich gerne hätte): Evvol, Anika & T.Raumschmiere, Neneh Cherry (die grandios gewesen sein soll), Kane West, Schnipo Schranke und Messer. Mist.
Dafür aber: Kiasmos mit ihrem, nun ja, romantischen Techno. „Ist ja wie in Ibiza“, beklagte sich ein Musikjournalist-Kollege. Aber Ibiza, das weiß man ja (und kann man nachlesen und nachhören) ist eine feine Insel. Und mir war nach schwerer Bassdrum, leichten Melodien und schwebenden Synthie-Flächen. Kiasmos deshalb genau richtig.
Und dann (siehe Foto) eine kleine Zeitreise mit Verbindung ins Hier und Jetzt: ein Gespräch von Heiko Hoffmann vom Groove-Magazin mit Stephen Morris, Gillian Gilbert, Daniel Miller und Owen Pallett. Also zweimal New Order, einmal der Labelchef von Mute Records - und der kanadische Weltenwandler Owen Pallett. Sie alle sprachen über gestern, heute, morgen. Und als Gillian Gilbert noch einmal erzählte, wie sie einst für Joy Division die Gitarre spielte (es hatte mit einem Flaschenwurf auf Sänger Ian Curtis zu tun), wurde es noch mal klar: geballte Musikgeschichte auf dieser kleinen Bühne. Daniel Miller ist übrigens nicht nur Mute-Gründer, sondern auch DJ. Sein Techno: vermutlich nicht so romantisch, sondern eher von der lichtlosen Art. Und Owen Pallett trägt Doc Martens. Morgen mehr!

Pop-Kultur, Festival-Tag 1

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Da ist er schon wieder vorbei, der erste Tag des Pop-Kultur-Festivals im Berliner Berghain! Und es gibt einiges zu erzählen. Zum Beispiel das hier: es war ein schöner Tag bzw. ein schöner Abend. Das Berghain ist nach wie vor ein geheimnisvoller Ort, auch wenn mit Hilfe eines Tickets (oder eines Pressebändchens) jedes Bangen an der ach so harten Tür umgangen werden kann. Geheimnisvoll, weil dieses alte Heizkraftwerk so viele verwinkelte Orte hat, nicht kaputtsaniert wurde, von einer seltsamen Aura umhüllt wird.
Aber lassen wir das Berghain Berghain sein und widmen uns der Musik und dem Drumherum. Owen Pallett und Isolation Berlin, Andreas Dorau und Lapalux, Inga Copeland und noch so einige mehr sangen, spielten, lasen, diskutierten. Aber wie das immer so ist: ich habe dann doch nur Pantha du Prince, Fenster und Chikiss gesehen. Pantha du Prince, einer der großen Technoromantiker, trat mit Schlagzeuger (der Norweger Bendik Hovik Kjeldsberg) und Scott Mou (Panda-Bear-Kollaborateur) auf. Es ging um Masken und Roben, eine krasse Bassdrum, die das Herz zu Rhythmusstörungen verleitete und hohe Glockentöne bestimmten den Sound. Das mit den Masken und Roben, die irgendwie japanisch anmuteten, geht vermutlich noch besser. Die Musik war gut, sie waberte (und das meine ich jetzt alles im positiven Sinne) von Techno trifft Sisters of Mercy trifft Paul Kalkbrenner trifft Diamanda Galas trifft Kraftwerk. Nach einer Stunde ging ich vom Bass durchgewalkt aus der Halle am Berghain.
Fenster, diese vierköpfige Berliner Band, sang zu ihrem selbstgedrehten Film. Verstörende Bilder wäre jetzt vielleicht zu viel gesagt. Aber irgendwie ein bisschen aus der Bahn warfen sie schon. Aber nicht lange, denn da war ja auch noch die Musik. Eine Band, die Fenster heißt, lässt einen nicht im Regen stehen.
Und eine russische Sängerin, die gleichzeitig zwei Synthies bedienen kann und ein durchsichtiges weißes Kleid trägt, natürlich auch nicht. Chikiss heißt sie, sie spielte in der Panorama Bar im Berghain. Und wenn ich mir was wünschen darf, dann bitte das: Chikiss soll auf meiner Beerdigung (die hoffentlich nicht so bald ansteht) spielen. Mit beiden Synthies.
Morgen mehr!

Ohne Probleme ins Berghain: der Pop-Kultur-Trick!

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Es gibt Menschen, die zahlen mehrere hundert Euro, wenn sie jemand garantiert ins Berliner Berghain hineinbringt. Kein Witz! Dabei gibt es ja einen viel besseren und billigeren Weg, der einen noch dazu mit großartiger Musik konfrontieren wird: das Pop-Kultur-Festival Ende August (26.08. - 28.08.2015). Drei Tage, die es in sich haben werden, drei Tage, in denen nicht nur das Berghain selbst, sondern auch die anderen Berghain-Anhängsel (die Panorama Bar, die Halle am Berghain, die Kantine am Berghain, die Schlackehalle, sowie die Berghain-Garderobe) bespielt werden.
Die Liste der Musiker, die das spielen werden, ist ziemlich lang und ziemlich gut, außerdem wird es zu jeder Menge außergewöhnlicher Begegnungen kommen. Nur ein Beispiel: wenn ein Hirnforscher (Dr. Tom Fritz) und ein Künstler (Norbert Bisky) über Techno sprechen, dann dürfte es ziemlich interessant werden. Warum? Weil der eine dem anderen vielleicht erklären kann, warum der beim Malen so gerne Techno hört.
Bevor ich jetzt alles aufzähle, was Ende August passieren wird, hier lieber meine persönlichen Hightlights (der Gesamtüberblick in Sachen Programm findet sich auf der Seite von Pop-Kultur): Ich freue mich auf Ho99o9 (gesprochen Horror - die werden noch mal ganz groß!), auf Pantha Du Prince, auf T.Raumschmiere, auf Bernard Sumner von New Order, auf den alten Mute-Label-Chef und Depeche-Mode-Entdecker Daniel Miller, auf Lapalux, auf Isolation Berlin, auf 18+ und auf Kane West. Ja, auf Kane West.
Außerdem natürlich auf Gudrun:

Und ich freue mich auf die beiden Erfinder von Pogo und von Breakdance (sein Name ist Ludwig, am Ende des Videos, es lohnt sich!):
Und dann haben wir natürlich auch noch „Friendly Friedrich from Pankow“, den Erfinder des Glam Rock. Ja, it began in Berlin! Und Pop-Kultur wird das noch mal deutlich machen. Ich bin dabei. Und alle meine 400 Freunde auch. Und die anderen, die so schlau waren, sich Tickets zu holen. Diese Tickets werden nämlich bald weg sein.

Der Techno-Wickinger!

Machen wir uns nichts vor: Techno ist ein Genre, das einen schon manchmal am Sinn des Albumformats zweifeln lässt, es geht bei dieser Musik schließlich vor allem ums Tanzen. Und dazu braucht es den guten Einzeltrack, der mit vielen anderen guten Einzeltracks vom DJ zu einem nicht enden wollenden Klangteppich verwoben wird. Trotzdem: immer dann, wenn es ein Produzent schafft, mit einem Gefühl, mit einer ganz bestimmten Atmosphäre ein ganzes Album zu durchdringen, dann darf man begeistert sein. Der Berliner DJ und Produzent Lars Wickinger hat genau das auf seinem ersten Langspieler getan. Die „unknown side of the moon“, die unbekannte Seite des Mondes, ist ja auch die „dunkle Seite“ – und dunkel geht es hier zu. Dunkel und gefühlvoll, warm und nicht ganz so glatt poliert. Das Ganze endet mit „For My Mom“ – ein Stück, das Lars Wickinger für seine an Krebs gestorbene Mutter geschrieben hat. Techno ohne großen Firlefanz, ohne Kitsch, aber nicht ohne Emotionen.
Lars Wickinger – The Unknown Side Of The Moon (Label: So What Music)

Das muss jetzt mal gesagt werden, Herr van Dyk!

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Zwischen Paul van Dyk und mir läuft es nicht so gut. Er mag mich nicht mehr, seit ich mich mal etwas ausführlicher über seine Musik und seine Unterstützung für den Radiosender „Sunshine Live“ geäußert habe. Ich halte ihn nach wie vor für einen sympathischer Typen, der, wie wir alle, gute und schlechte Seiten hat. Zu den schlechten gehört vor allem seine Musik. „The Politics of Dancing 3“ heißt die neue Platte von Matthias Paul (das ist PvD bürgerlicher Name) und sie ist eine solide Trance-Platte geworden. Womit wir auch schon gleich beim Problem sind: Read and rave on nach dem Klick ...

Mal wieder Zeit für den Technochristen!

Jeder hat seine Lieblinge. Zu meinen gehört definitiv der Technochrist. Der Technochrist bringt das Schlechteste aus den beiden Welten „Techno“ und „Christentum“ zusammen und war hier beim Technoarm (der natürlich das Beste aus den beiden Welten „Techno“ und „Arm“ zusammen bringt) zum ersten Mal vor fünf Jahren ein Thema. Damals bin ich durch einen Zufall auf ein Video des Technochristen aufmerksam geworden und habe ausführlich darüber geschrieben. Trotz der von mir in meinem Text gepflegten Nächstenliebe hat sich drei Jahre später der Technochrist bei mir gemeldet und gefordert, ich solle den alten Artikel löschen, weil der ihm berufliche Nachteile verschaffe und weil darin das Christentum diffamiert würde. „Diffarmieren“, das bedeutet ja, jemanden durch FALSCHE Behauptungen in ein schlechtes Licht zu stellen. Davon konnte natürlich überhaupt nicht die Rede sein, deshalb blieb der Artikel auch stehen, nur nannte ich den Technochristen nicht mehr bei seinem vollen Namen. Wer wissen will, wie Björn K. vollständig heißt, braucht ja auch nicht mich, schließlich hat der gute Mann eine eigene Homepage und da gibt es natürlich, wie es die Vorschriften wollen, ein Impressum. Und solch schöne Sprüche wie „Jesus Christ is cool“.
Beim Thema „Homepage“ wären wir dann auch wieder im Hier und Jetzt angelangt: ich war ja vor fünf Jahren, als ich das erste Mal auf ihn aufmerksam wurde, fasziniert von der Laienhaftig- und Talentlosigkeit des Technochristen. Daran scheint sich, wenn ich mir seine neuesten Videos ansehe, nicht ein bisschen was geändert zu haben. Vielleicht ist es sogar noch ein bisschen schlimmer geworden, weil das Naive einer gewissen Selbstgefälligkeit Platz machen musste. Aber sehet selbst, ihr Gläubigen und Ungläubigen:

Oliver Koletzki, SpiegelTV und ich ...

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Es war noch relativ früh am Morgen, als ich mich vor einigen Monaten mit einem kleinen Filmteam von SpiegelTV traf. Sie wollten mit mir über Techno sprechen, genauer gesagt: über den Produzenten und DJ Oliver Koletzki. Und weil ich erstens glaubte, etwas zum Thema beitragen zu können und zweitens keine Gelegenheit auslasse, um mich wichtig zu machen, setzte ich mich vor einen Bildschirm und redete über all die Dinge, die mir so in den Sinn kamen. Wobei ... so ganz stimmt das nicht. Ich dachte während des Interviews nämlich nicht nur über Oliver Koletzki nach, sondern auch über Frühstück, Müdigkeit, Ordnung und Ikea (auf gut Deutsch: ich war hungrig, übernächtigt, die Wohnung sah aus wie ein Saustall und der Stuhl, auf dem ich saß, war nicht sonderlich bequem). Aus meinem Mund kamen natürlich nur Weisheiten eines Ex-Ravers und gereiften Analytikers. Und wer sich das Ergebnis ansehen will, der kann das tun. Es lohnt sich sogar - nicht unbedingt meinetwegen, sondern weil Oliver Koletzki natürlich auch selbst zu Wort kommt und man nach dem Film definitiv mehr über das DJ-Business weiß als vorher. Hier der Direktlink.

Krach machen mit Pilocka Krach

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Elektronische Tanzmusik hat schon immer mit Sex zu tun gehabt. Deshalb wird es jetzt wohl niemanden mehr schocken, dass man auf „Best if Pilocka Krach, dem Debütalbum der Berliner Musikerin Pilocka Krach einen halbdurchsichtigen Slip, zwei Hände und jede Menge dunkle Schamhaare sieht. Ihre? Vermutlich. Aber wen kümmert’s? Viel wichtiger ist schließlich die Musik dieser technoiden Pippi Langstrumpf, Songs, die in den letzten fünf, sechs Jahren entstanden sind und jetzt das erste Mal als Album zusammenfinden. Vielleicht erst einmal aufgezählt, was diese Musik alles NICHT ist: Sie ist nicht sanft, sie ist nicht glatt, sie ist nicht langweilig. Aber sie ist sehr, sehr unterhaltsam, lebendig, durchgeknallt und irgendwie anders. Sagen wir’s mal so: Menschen, die ihr Leben bis zur Pension durchgeplant haben, sind bei Paul van Dyk vielleicht besser aufgehoben. Aber wer noch einen Funken Freiheitsliebe und Abenteuerlust in sich verspürt, könnte sich für die Bar-25-erprobte Pilocka Krach erwärmen. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Gutes Blatt: Sven Tasnadis Album “All In"

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Das Poker-Spiel kennt viele aufregende Momente, einer der aufregendsten steht beim „All In“ an. Also dann, wenn einer der Spieler die anderen schocken will und auf einen Schlag seine gesamten Chips setzt. Alles oder nichts! Sven Tasnadi, der sich seit Jahren auf der Suche nach den besten atmosphärischen Sounds befindet, ist an diesem Punkt angelangt, sein neues Album heißt „All In“. Alles auf eine Karte? „So dramatisch würde ich das nicht sagen“, erzählt der 36-Jährige im Interview, „aber natürlich hat dieser Titel auch etwas mit Risiko zu tun.“ Read and rave on nach dem Klick ...

Schön, aber sinnlos: Hot Chips "Why Make Sense?"

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Die englische Band Hot Chip veröffentlicht ihr sechstes Album. Das Ergebnis? Gut. Wie immer. Aber schön der Reihe nach! Also: Als überzeugter Hot-Chip-Fan musste man langsam unruhig werden. 2014 ging zu Ende und weit und breit kein neues Album der Indie-Electro-Popper in Sicht. Das konnte nichts Gutes bedeuten, oder? Denn wenn auf etwas Verlass war, dann doch auf den Zwei-Jahres-Rhythmus der englischen Ausnahmeband. Wie eine sauber arbeitende Maschine spuckten die Musiker um Alexis Taylor und Joe Goddard 2004, 2006, 2008, 2010 und 2012 neue und ziemlich gute Platten aus. Read and rave on nach dem Klick ...

Einfach mal etwas abslowen, sagt Niconé

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Ein bisschen sieht er auf dem Cover seines neuen Albums aus wie Rotkäppchen, der Alexander Gerlach. Na ja, ein bisschen: er ist halt kein kleines Mädchen, sondern ein bärtiger Mann. Und sein Kapuzenmäntelchen ist nicht rot, sondern blau. Aber es ist eben ein Kapuzenmäntelchen. Alexander Gerlach ist bekannt geworden als ein Teil des Berliner Duos Lexy & K-Paul, als Solokünstler nennt er sich Niconé. Auf „Slowen“ hat er jetzt ordentlich die Handbremse angezogen, sehr gemächlich und entspannt fließen seine Tracks, müssen sie ja auch, „slowen“ ist schließlich Denglisch für „verlangsamen“. Die Titel, die er seinen zehn Stücken verpasst hat, sind einigermaßen albern („Ohhhen“, „Loven“, „Baben“, „Kissen“), die Musik aber hat es in sich: weil es ihm ja nicht darum geht, Kracher für den Dancefloor zu produzieren, experimentiert er viel herum. Er baut Spannungslinien auf, die auch ohne Bass Drum funktionieren müssen, es wabert und dröhnt und steigert sich fast unmerklich, bis der Wumms dann doch mal kommt. Meiner Ansicht nach seine bisher beste Platte.
Niconé – Slowen (Label: NCNE)

Kneten mit Karlotta und Sven ...

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Wann habe ich das letzte Mal Knete in der Hand gehabt? Keine Ahnung, es wird irgendwann in den 90ern gewesen sein, als ich noch einmal das Kind in mir entdeckte und mit einem kleinen Rohr bewaffnet auf ahnungslose Menschen schoss. Beinahe gab’s dafür aufs Maul und dann wurde es auch schnell wieder langweilig.
Linda Jakobsen hat für Knete eine bessere Verwendung gefunden, sie modelliert daraus kleine Figuren. Und nennt sich deshalb auch nicht mehr Linda Jakobsen, sondern Karlotta Knetkowski. Gerade ist ihr Buch erschienen, Berlin Knetografie. Ein Fotobuch, es zeigt etliche dieser Knetfiguren, die Berliner Persönlichkeiten darstellen. Was das hier beim Technoarm zu suchen hat? Ist doch klar: Sven Marquardt und Dr. Motte sorgen für die Techno-Momente in diesem Buch. Motte stilgerecht vor der Siegessäule, Marquardt natürlich vor dem Berghain. Aber auch die anderen Figuren sind schön anzusehen. Mit dabei: Kinski, Schlingensief, Brecht, Juhnke, Bela B. ... und etliche andere. Knet on!
Karlotta Knetkowski: Berlin Knetografie. Mitteldeutscher Verlag.

Techno begann in Berlin, Metal auch

Technoarm, der Name sagt es ja schon, befasst sich eher selten mit Heavy Metal, Rock und überhaupt. Warum sollte man sich auch groß mit solcher „Musik“ beschäftigen? (An dieser Stelle darf man sich gerne ein ironisch zwinkerndes Grinsegesicht vorstellen) Berlin aber hat ein neues Festival, es heißt „Pop-Kultur“, findet Ende August (26. - 28.) im Techno-Club Berghain statt und nicht nur der Ort allein verheißt Gutes. Sondern auch das erste Video, das die Pop-Kultur-Macher still und heimlich in die WILDE WEITE WELT entlassen haben. Nur so viel: Hauptfigur Gudrun hat es drauf! Angst. Metal. Techno kommst sicherlich auch noch.

Concubine geben alles (umsonst her)

Man darf sich nichts vormachen: so sehr Techno in Berlin (wo der Technoarm ja zu Hause ist) zur Alltagskultur gehört und zu jeder Tages- und Nachtzeit im Café, im Späti, beim Friseur oder aus dem Auto heraus ertönen kann, so außergewöhnlich ist das im Vergleich zu anderen Städten. Beim überfüllten Vietnamesen zu sitzen und zum Pak Choi Minimal Techno serviert zu bekommen, gibt es woanders eher selten. Ein Grund mehr, warum man als DJ gerne an die Spree zieht. Ein anderer Grund ist, dass die anderen auch schon alle da sind. Nehmen wir nur mal den Kanadier Noah Pred und den Australier Rick Bull (auch bekannt als Deepchild). Die beiden trafen sich eines Winters in Berlin und hatten wohl die Nase voll davon, alleine vor sich hinzuproduzieren. Und die Stadt strengte auch ein bisschen an. Einmal die Woche traf man sich also zum gemeinsamen Musizieren (klingt altbacken, aber genau so muss man sich das vorstellen), um ohne Druck zu improvisieren und herumzuspielen. Aus diesen Kreuzberger Sessions entstand schließlich ein Debütalbum, das die beiden unter dem Namen Concubine fertiggestellt haben. Atmosphärisch dicht, zusammengehalten durch den Beat, voller kleiner Spielereien, durchsetzt mit Stimmfetzen, wobbelnden Acid-Klängen und improvisierten Melodien. „Concubine“ (so heißt nicht nur das Projekt, sondern auch das Album selbst) gibt es umsonst auf der Homepage der beiden: http://www.concubine.cc/

Die Weste für den ambitionierten Club-Hund

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Wofür sind Hunde gut? Zum Beispiel, um auf den Gehweg zu kacken. In New York (anders als in Berlin) machen die Besitzer das meistens weg. Und in New York ist auch die Firma zu Hause, die den Hund jetzt endlich in Style auf die Straße schicken möchte: mit Hilfe einer LED-Weste, die wunderbar blinkt. Read and rave on nach dem Klick ...

Nick Höppner: wir nennen es Folk

Man wird ja wohl noch fragen dürfen: Darf jemand, der mit beiden Beinen fest im Techno und House steht, sein Album „Folk“ nennen? Nick Höppner, der als DJ, Produzent und Label-Chef das Geschehen im Berliner Club Berghain mitbestimmt, macht es einfach. Und meint natürlich etwas völlig anderes als handgemachtes, akustisches Gitarrengezupfe. Ihm geht es um die Tradition, in der die elektronische Clubmusik mittlerweile steht: vor 20, 30 Jahren wurde sie entwickelt, berief sich dabei auf Disco-Musik, die sich ja auch schon aus Funk und Soul herausgeschält hatte. Wann und wie genau das alles losging, lässt sich gar nicht mehr sagen. Aber wie die Musiker im Folk gaben auch hier die Produzenten und DJs ihr Wissen von Generation zu Generation weiter, auf Platte und auf dem Dancefloor. Und jede Generation machte aus dem Überlieferten etwas Neues, ohne die Wurzeln in Frage zu stellen. Höppners Tracks sind dafür das beste Beispiel: es regiert der 4/4-Takt, na klar, drumherum spielt er mit Sounds und Melodie-Schnipseln und fügt dem Techno-Universum einen weiteren kleinen Planeten hinzu, der kleine Electro-Folkie.

Tidal? Mal abwarten ...

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Noch ein Streaming-Dienst ... braucht den wirklich irgendjemand? So die erste Reaktion, nachdem gestern nicht nur Jay Z und seine Frau Beyoncé, sondern auch Kanye West, Deadmau5, Rihanna, Madonna, Daft Punk und etliche andere Musiker in New York ihren neuen Streaming-Dienst vorgestellt haben: Tidal. So ganz neu ist Tidal nicht, es gab ihn vorher schon (in Deutschland als WiMP bekannt), aber Jay Z und Co werden daraus etwas völlig anderes machen, wetten? Read and rave on nach dem Klick ...

Boiler Room ... ist 5 geworden


Das Internet, unendliche Weiten. Einer der einst ganz kleinen und jetzt ein bisschen größeren Mitspieler ist der Boiler Room. Wer den noch nicht kennt: DJs legen für ein paar handverlesene Freunde auf, das Ganze wird in die Welt gestreamt. Und dabei unter Umständen von ein paar hunderttausend Menschen gleichzeitig live verfolgt (oder später von Millionen nachgesehen). Der Boiler Room ist gerade fünf geworden und ein bisschen schräg ist das natürlich schon, dass ein Underground-Phänomen solche Zugriffszahlen hat und in so kurzer Zeit zum „international tastemaker“. Michail Stangl vom Boiler Room Berlin hat mir das alles gerade im Interview erklärt (wird am 9. April im Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt) und ich bin jetzt noch ein bisschen mehr Fan als ohnehin schon. Ist nämlich alles toll: die unterschiedlichen Stile, die man dort mitbekommt, die Art und Weise, wie sich manche DJs (und Live Acts) inszenieren oder auch nicht, die manchmal wirklich albernen Tänzer - genau wie im Club. Clubkultur nicht gegen den Mainstream, sondern komplett am Mainstream vorbei. Mein Lieblingsset ist übrigens nach wie vor der Auftritt von Anklepants, ein obskurer Soundkünstler, der mit einer Penismaske auftritt und sich selbst mit dieser knappen Stunde auf die internationale Landkarte (oder so ähnlich) hievte.

Neuer Club in alten Schläuchen

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Während die gesamte Techno-Welt daran teilhaben konnte, wie DJ und Produzent Felix da Housecat nicht ins Berghain reinkam (und dann doch und dann wieder nicht) und den Türstehern Rassismus vorwarf (aber eben nicht immer), feierte ein neuer Club in Berlin seine Eröffnung: das Phono in der Pappelallee 66 in Prenzlauer Berg. Prenzlauer Berg, diese komplett unspannende Schlafstadt für den Berliner Mittelstand? Ja, genau. Ich war da und es gibt aus meiner Sicht exakt drei Sachen zu sagen.
Erstens musste ich sehr lachen über die Berichte, die das abfeierten, dass jetzt in Prenzlauer Berg ein neuer Club aufgemacht hat. Denn vor zweieinhalb Jahren habe ich schon einmal über die exakt gleiche Location berichtet. Nur dass der neue Club damals nicht Phono hieß, sondern SLF-Club. Obendrüber war das Stadt-Land-Fluss-(SLF)-Restaurant. Lange hat er nicht durchgehalten, 2014 gab das Stadt-Land-Fluss auf.
Zweitens war es einigermaßen voll, aber die magische Stimmung, die ein Club braucht, um länger bestehen zu können, war noch nicht da. Es wurde getanzt, ja, es wurde getrunken, aber es war auch ein bisschen öde. Vielleicht, weil die Musik zu schwer und ein bisschen zu technolastig war. Vielleicht, weil es letztendlich doch nur ein schalldichter Keller ist, in dem man da steht. Vielleicht stimmte auch die Mischung der Gäste noch nicht, man hatte offenbar allen, die man kannte, Bescheid gegeben. Und dann abgewartet, wer kommt.
Drittens: Ist nicht so weit weg von mir. Vielleicht gehe ich doch öfter hin. Aber wie schrieb ich doch so schön vor zweieinhalb Jahren über das SLF? „So richtig kommt sie nicht mehr in Schwung, die Party im SLF-Club – und beim Nachhausegehen mitten durch die Familiengegend Pappelallee kommt einem der Gedanke, dass das wohl nicht nur an diesem Abend so sein wird. Die Party-Karawane ist schon lange weitergezogen, nach Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain. Die neuen, angesagten Locations im Prenzlauer Berg heißen Kita, Kindergarten und Schule. Wer hier einen neuen Club etablieren will, braucht mehr als nur Lärmschutz – der braucht den Zeitgeist auf seiner Seite. Nur lässt sich der eben nicht so einfach auf die Gästeliste setzen.“

Früh übt sich ...

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Gerade hat ja irgendein Schlaukopf festgestellt, dass Schulkinder zum Teil einen so großen Stresslevel haben wie Spitzenmanager. Ja, weil sie noch nicht richtig kapiert haben, dass es im Leben vor allem ums Feiern und nicht so sehr um die Karriere geht. Für manch einen mag der ideale Weg übrigens eine Mischung aus beiden sein. Und da kommen Fred & Friends ins Spiel. Das sind ein paar amerikanische (?) Designer, die überflüssige Alltagsgegenstände durch halbwegs witzige Ideen aufpeppen und dadurch nicht sexy, aber erstrebenswert machen. Fred & Friends haben jetzt ein „Dinner DJ“ angekündigt. Teller und Besteck für Kinder, die aussehen wie ein Plattenspieler. Und, weil aus Melanim, sich wohl auch eignen, davon zu essen. Also, ihr Eltern-DJs, ran an die kleine Auflege-Aufesse-Garnitur.

Jurassic Rave!

Und da ist er auf einmal ... der neue Burial-Track!

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Neid dürfte sich breitmachen bei all den Musikern, die ihre Lebenszeit neben dem Produzieren auch noch für die damit zusammenhängende Promoarbeit opfern müssen: hallo facebook-friends, liebe Sound- und Mixcloud-Gemeinde, Twitter, Blogs, Musikjournalisten, Streamingdienste, Downloadportale, sie alle wollen bedient werden und das kostet Energie und eben Zeit. Und warum Neid? Weil jemand wie der englische Musikproduzent Burial das alles gar nicht nötig hat. Egal, was der „Dubstep meets Downbeat meets Garage meets eben Burial“ macht, es verkauft sich praktisch von selbst. Glaubt ihr nicht? Er hat es aber gerade wieder bewiesen: sein neuer Track heißt Temple Sleeper, ist eine sechseinhalb Minuten lange und ziemlich schnelle Reise durch die englische Clubmusik. Typisch Burial und irgendwie auch wieder nicht, gerade zum Ende hin.Zur Abwechslung mal nicht beim Hyperdub Label veröffentlich worden, sondern beim Londoner Plattenlabel Keysound Recordings. Da kann man das Ganze auch kaufen, als Vinyl (da kommt dann der mp3-file gleich mit dazu) oder nur als Download. Das ist jetzt gerade erst bekannt geworden, ganz ohne Promo, aber Keysound melden schon jetzt, dass es wegen des großen Andrangs wohl eine Weile dauern dürfte, bis die Platte ihre Käufer erreicht. Immerhin: das mp3 wird sofort versandt. Und läuft und läuft und läuft bei ihm (also mir). Burial? Der Typ trägt Mantel!

Trip Hop? Da war doch mal was!

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Es gab mal eine kurze Zeit Mitte oder eher Ende der 90er, da konnte ich nicht genug bekommen von traurigen oder zumindest melancholisch angehauchten Tracks, in denen traurige oder zumindest melancholisch angehauchte Frauenstimmen auf schleppenden Beats sangen und das ganze durch jede Menge elektronische Effekte trippig gemacht wurde. Trip Hop eben. Massive Attack, Tricky, Portishead lieferten das Ganze, aber auch eher unbekannte Bands und Projekte wie Alpha, Crustation, Archive (nun gut, die sind gar nicht mehr so unbekannt, was vermutlich daran liegt, dass sie bis heute durchgehalten haben), Minx, Lamb, Morcheeba (für die gilt das gleiche wie für Archive), Sneaker Pimps und wer sich da noch so alles suhlte in den traurigen oder zumindest melancholisch angehauchten Sounds. Read and rave on nach dem Klick ...

De:Bug, du fehlst. Sehr.

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Das war nicht nur einfach irgend eine Techno-Postille oder gar ein Dance Magazine, nein, die De:bug war ein Magazin für elektronische Lebensaspekte. Für mich ein ziemlich wichtiger Kompass. Man musste das gar nicht alles richtig finden, was die Macher Monat für Monat in die De:bug schrieben, aber da sie das mit klar erkennbarer Haltung taten, konnte man sich dabei wunderbar bestätigt oder intellektuell herausgefordert fühlen, ohne auch nur ansatzweise darüber nachzudenken, ob man diese Zeitschrift braucht. Brauchen, wollen, genießen, sich unterhalten ... das ging beim Lesen ineinander über. Und wie sehr sie fehlt, seit es sie seit einem Dreivierteljahr nicht mehr gibt, ist mir gerade in den letzten Tagen mal wieder aufgefallen, als ich mich länger mit den Jahresrückblick-Aufsätzen in der Spex beschäftigte. Nichts gegen die Spex, aber so uninspirierte und letztlich auch uninformierte Artikel wären der De:bug nie passiert. Da versteckte man sich nämlich nicht hinter geschraubter Sprache und versuchte auch nicht, mit gefährlichem Halbwissen die Welt zu erklären. Wir halten also fest: De:bug ist tot. Es lebe Das Filter.